Freitag, 12. Oktober 2012

[Rezension] "Ich fürchte mich nicht"

Seit 246 Tagen befindet sich die 17-jährige Juliette in Isolationshaft. Die korrupte Regierung einer dystopischen Zukunft hat sie wegsperren lassen, denn Juliette besitzt einzigartige Kräfte, die so faszinierend wie erschreckend sind: Ihre Berührung ist tödlich. Juliette entzieht jedem, den sie anfasst, die Lebenskraft. Und das Schlimmste: sie kann nichts dagegen tun. Juliette kämpft mit ihren Wünschen und Hoffnungen, die sie sich weder eingestehen noch zugestehen kann. Umso mehr, als sie nach 246 langen Tagen plötzlich einen „Mitbewohner“ bekommt. Der Junge, der eines Tages in ihrer Zelle steht, heißt Adam. Juliette fühlt sich von ihm bedroht und zugleich zu ihm hingezogen, aber sie weiß ja, dass sie sich von ihm fernhalten muss. Und bald stellt sich auch heraus, dass Adams Auftauchen kein Zufall ist: Er entpuppt sich als Soldat und Spion des neuen Oberbefehlshabers Warner. Denn Warner ist von Juliette fasziniert und will ihre einzigartige Fähigkeit für sich nutzen. Er lässt sie in seinen Palast bringen, versucht sie durch Bestechung und Erpressung gefügig zu machen. Juliette schwankt zwischen ihrer aufkeimenden Liebe zu Adam, der sie verraten hat, und ihrer eigenartigen Faszination für den grausamen Warner, den sie eigentlich hassen sollte. Vor allem aber muss sie Antworten auf ihre drängendsten Fragen finden: Bin ich ein Monster? Ein schrecklicher Mensch, mit einer furchtbaren Gabe? Oder gibt es einen Weg, mit dieser Fähigkeit sinnvoll umzugehen und zu leben? via


"Ich fürchte mich nicht" ist eine Dystopie für Jugendliche, wovon es mittlerweile unzählige Variationen gibt. Da ist es natürlich schwer, aus der Masse herauszustehen, etwas Neues zu präsentieren. So ist es auch hier, man merkt sehr deutlich, dass sich die Autorin sehr bemüht hat, eine komplett "neue" Geschichte zu schreiben. Leider ist ihr das nur teilweise gelungen. Der Hintergrund der Handlung ist allen Dystopie-Lesern bekannt, wenn auch in leicht abgewandelter Form; Die Erde wurde fast komplett durch den Klimawandel zerstört, die Tiere sind mutiert, die Menschen verzweifeln und geraten in Panik. Eine neue Regierung kommt an die Macht, die die Menschheit unterdrückt. Ja, das kennen wir schon alles. Hier hätte ich trotzdem sehr gerne mehr erfahren, über die Bevölkerung, die Sektoren, die Umstände, vielleicht hätte Frau Mafi einfach mehr ins Detail gehen müssen, dann würde das alles auch nicht so nach Mainstream klingen. Allerdings ist das ja nicht die gesamte Handlung, es geht nämlich um Juliette, und Juliette hat eine Gabe, denn sie kann Menschen allein durch ihre Berührung töten, indem sie ihnen die Lebenskraft raubt. Klingt abgedreht, ist aber in Wirklichkeit eine tolle Idee, die zudem auch noch sehr interessant umgesetzt wurde.

Womit wir auch schon bei der Protagonistin wären. Juliette hat viele Facetten. Im ersten Moment jammert sie noch wegen jeder Kleinigkeit, im nächsten gibt sie sich als mutige Kämpferin. Dabei ist sie kein unangenehmer Charakter. Gleich am Anfang wird man als Leser mit ihrer Gefühls- und Gedankenwelt konfrontiert und lernt Juliette auf dieser Weise sehr gut kennen. Man erfährt, was für eine schwere Kindheit sie hatte und entwickelt Mitleid für die junge Frau. Man könnte am Anfang fast meinen, dass sie ein wenig verrückt ist, merkt aber schnell, dass das nur so ist, weil ihre Gabe ihr das Leben wirklich schwer macht. Trotzdem wird im Laufe der Geschichte klar, dass Juliette sehr naiv ist, was sie aber fast noch sympathischer macht. Insgesamt betrachtet also eine nicht herrausstechende, aber durchaus angenehme Protagonistin.

Neben Juliette steht auch Adam im Vordergrund. Adam ist ein Soldat, und, um es kurz zu fassen, ein absolut unbeeindruckender Charakter. Hier hat sich Frau Mafi an einigen Klischees bedient, er ist stark, mutig, wahnsinnig gut aussehend (natürlich!), ist bereit, für Juliette sein Leben zu opfern und ist nebenbei auch noch sehr bodenständig und intelligent. Um es in einem Wort zusammenzufassen: langweilig. Wirklich schade, denn ich glaube, dass ein kantiger, interessanter Charakter neben Juliette der ganzen Geschichte den letzten Schliff gegeben hätte, den man aber so vergeblich sucht.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, und das ist genau der Punkt, der mir an diesem Buch am wenigsten gefallen hat. Denn diese Liebesbeziehung entwickelt sich nicht, sondern bricht plötzlich herein und ab da können sich die beiden kaum halten. Ich meine, bitte? Geht das wirklich so schnell? Juliette findet ihn gleich bei der ersten Begegnung unglaublich attraktiv und er ist selbstverständlich auch nicht abgeneigt. Und plötzlich geht alles ganz schnell und sie liegen sich küssend in den Armen. Okay. Wenn's sein muss. ABER, dann kann ich es nicht glauben, dass Juliette JEDES MAL, bis zum bitteren Ende, einen roten Kopf bekommt, wenn er sie nur anschaut. Wenn man schon so eine überstürzte Beziehung darstellt, dann wenigstens glaubwürdig. Außerdem entwickeln beide ziemlich schnell sexuelle Triebe, die sie dann auch fast ausleben. Leider hat es auf mich einfach nur so gewirkt, als ob sich die Autorin hier ausgetobt hat. Mich hätte die Haupthandlung, Juliettes Gabe und der Zustand der Erde viel mehr interessiert, als dieses ewige "Oooh, ich liebe dich, liebst du mich auch?".

Gefallen hat mir Warner. Er ist der "Bösewicht", aber dafür um einiges interessanter als die Protagonisten. Warner ist berechnend, kalt, elegant, hat aber durchaus einen weichen Kern. Mich interessiert seine Vorgeschichte sehr und hoffe wirklich, dass man im nächsten Teil mehr über ihn erfährt. Er ist zwar ein Psychopath und ein Mix aus etlichen Vorurteilen, die man solchen "Bösewichten" gegenüber hat, trotzdem macht er die ganze Handlung aber sehr viel spannender und interessanter, denn er möchte Juliette auf seiner Seite haben, um mit ihr Macht auszuüben. Ich bin sehr gespannt, wie weit er gehen wird, um diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Das Ende der Geschichte, bzw. das letzte Viertel, hat mich wirklich überrascht. Es ging plötzlich Richtung "X-Men" und "Die Unglaublichen", was aber sehr cool war, denn diese Wendung hätte ich nicht erwartet. Deshalb freue ich mich auf den Folgeband, denn ich möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht, obwohl das Buch nicht einmal mit einem Cliffhanger endet. Übrigens kann ich mir eine Buchverfilmung sehr gut vorstellen, was nicht oft vorkommt.

Zum Schluss das Beste am ganzen Buch; der Schreibstil. Er ist wunderschön und fast poetisch. Außerdem zeichnet er sich durch die zahlreichen durchgestrichnenen Passagen aus, die Juliettes Gedanken wiederspiegeln. Dadurch weiß man ganz genau, wie sich Juliette fühlt und was sie gerade denkt und kann so eine ganz besondere Bindung zu ihr aufbauen. Zwar kommen einige Wiederholungen vor (z.B. läuft es Juliette ständig kalt den Rücken runter oder sie errötet), aber da die Stimmung bei der Erzählung absolut stimmt, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.

>> Der Mond dagegen ist ein treuer Begleiter. Er verschwindet nie. Er ist immer da,
zuverlässig, schaut herunter, kennt unsere hellen und dunklen Momente,wandelt sich unentwegt, 
so wie wir. Jeden Tag zeigt er sich in einer anderen Form. 
Manchmal schwach und schwindend, manchmal kraftvoll und leuchtend. 
Der Mond versteht, was es heißt Mensch zu sein. Unsicher. Allein. 
Gezeichnet von Kratern der Unvollkommenheit. <<
- Seite 32

Insgesamt betrachtet ist "Ich fürchte mich nicht" eine sehr interessante Leseerfahrung gewesen, die aber nicht allzu viele neue Ideen aufweist. Eine undefinierbare Protagonistin, ein langweiliger Liebhaber und ein wirklich interessanter Bösewicht dominieren hier das Spektakel und begleiten den Leser auf der Reise in eine erschreckende Zukunft, von der man aber leider zu wenig erfährt. Der Schluss macht definitiv Lust auf mehr und hat dafür gesorgt, dass ich auf jeden Fall zu dem Folgeband greifen werde. Und da der Schreibstil so unglaublich schön ist, kann ich auch ein wenig über die übertriebene Liebesgeschichte hinwegsehen. Ein Buch mit Fehlern, welches aber auch seine positiven Seiten hat.

Zum Schluss noch der Trailer zum Buch.

Kommentare:

  1. Habe einen Award für dich ;)

    http://mays-reviews.blogspot.de/2012/10/1-neuer-award-2-weitere-awards.html

    LG May

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  2. Liebe Jana,

    auch dieses Jahr soll es wieder ein Bücherweihnachtswichteln geben! Bisher habe ich leider noch keinen Blog entdeckt, der das Wichteln dieses Jahr ausrichtet und deshalb habe ich mich dazu entschlossen, es selbst zu organisieren. Da mein Blog nicht allzu bekannt ist, habe ich mir gedacht, ich schreibe ein paar Buchblogger an und frage nach, ob sie Lust hätten am diesjährigen Bücherweihnachtswichteln teilzunehmen. Wenn du dieses Jahr also Lust aufs Bücherwichteln hast, dann kannst du dich unter diesem Link http://t.co/CbH0b6Re genauer informieren und dich anmelden, wenn du möchtest.

    Ich würde mich sehr über deine Teilnahme freuen, denn je mehr mitwichteln, desto mehr Spaß macht es! :)

    Liebe Grüße
    Lena

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  3. Ich war auch nicht zu hundert Prozent von diesem Buch überzeugt. Da hat die Autorin wohl sehr viel gewollt, aber mal ehrlich welcher Schriftsteller ist denn schon in seinem Debüt so ausgereift, dass er gleich ein ganzes Genre neu schreiben kann. Das Glück haben die wenigsten.
    Bei mir lag es aber vor allem am Schreibstil, der für meinen Geschmack einfach viel zu viele Metaphern enthielt. Sprachlich kreativ sein ist eine Sache, aber Mafi wurde so oft so kitschig, das es mir ein Graus war. Nun ja, da hat jeder seine eigenen Vorlieben ;)
    Was die Handlung und Charaktere angeht stimme ich dir aber wieder voll und ganz zu - Team Warner! Aber vielleicht kommt er im zweiten Band mal zum Zug und bringt dabei ordentlich Spannung und Abenteuer in Juliettes Welt. Schade, dass es bis dahin noch dauert.

    LG, Katarina :)

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